Laut, hässlich und schmutzig
Fast 191.400 Autos wälzen sich täglich über die Berliner Stadtautobahn. Das ist mehr als am Frankfurter Kreuz oder auf dem Highway rund um Köln. Die Strecke zwischen Funkturm und Neukölln ist damit die meistbefahre Straße der Republik - mitten durch die Großstadt. Das jedenfalls ergaben jüngst Zählungen der Bundesanstalt für das Straßenwesen.
Seit langem wird darüber gestritten, wie man die Verkehrslast zugungsten etwa des Öffentlichen Nahverkehrs in diesem Bereich reduzieren kann. Die Emissionsbelastung - gerade am dichtbefahrenen Abschnitt zwischen Avus und Kurfürstendamm - ist schließlich sprichwörtlich Atemberaubend.

Die Stadtautobahn A 100 bei Wilmersdorf; Foto: Burkhard Schröder auf Flickr
Doch kommen von Senatsseite nur untaugliche Maßnahmen oder gar keine Aktivitäten, wenn es darum geht, diesen Zustand zu ändern. Nicht nur, dass es ihm nicht gelungen ist, in 16 Jahren Nachwendezeit auch im Westteil der Stadt ein schienengebundenes Verkehrsmittel zu etablieren, welches unterhalb des S- und U-Bahn-Niveaus hochwertige Nahverkehrsleistungen erbringt (sprich: Straßenbahn).
Auch konnte das Güterverkehrsnetz nicht so neukonzipiert werden, dass es den Schwerlastverkehr von der A 100 und den Nebenstrecken auf Güterwaggons verlagert. Bei den erheblichen Milliardensummen, die in die Strecken im Rahmen von Pilzkonzept & Co. investiert worden sind, hätte die Stärkung des schienengebundenen Warentransports ein Kernpunkt in den Bedingungen der Fördermittelgeberinnen und -geber sein müssen.
Doch anstatt aus den Fehlentwicklungen zu lernen und eine Umkehr dieses verkehrspolitischen Irrwegs einzuleiten, legt die Stadtregierung in Verantwortung von Bürgermeisterin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sogar noch eins oben drauf: Die Stadtautobahn wird verlängert. Bis nach Hohenschönhausen kann der Kfz-Verkehr bald rollen, als erster Schritt ist eine Verlängerung bis zur Frankfurter Alle auf 3,2 Kilometern geplant. Die Vertretungen der Autolobby jauchzen - und sind sich für kein noch so irres Argument, das Vorhaben zu stützen, zu schade.
Jede neue Straße produziert auch neuen Verkehr - das ist eine Binsenweisheit. Neuerdings wird aber umgekehrt argumentiert: Jede neue Straße reduziere Emissionen. Schließlich entfielen bei freier Fahrt auch Brems- und Beschleunigungsvorgänge (der freien Bürger). Wenn das so ist, komplettieren wir doch endlich den Autobahn-Stadtring und ergänzen ihn um ein paar Querverbindungen! Damit können wir Abgase, Feinstäube, Lärm und sicher irgendwie auch den Flächenverbrauch sicher bald auf null reduzieren.
Eine Straßenbahn im Westteil? Na zum Glück gibt es dort keine! Wer unbedingt die Straßenbahn benötigt, soll nach Köln ziehen und dort sein Glück mit den öffentlichen Verkehrsmitteln suchen. Dort gehört es auch zur Tagesordnung, dass, eine Vielzahl von Straßenbahnen verspätet ankommt!
Du bist wie immer großartig. Du fährst wohl lieber mit dem Bus als mit der Straßenbahn? Weil Busse auch immer pünktlicher sind als Trams? Automassen sind definitiv nix erstrebenswertes. Ich grusele mich schon immer bei der Frankfurter Allee, aber auch in Potsdam gibt es diese Probleme - wie wohl im gesamten Ballungsraum. Auf der Suche nach Arbeit fährt man weit und nimmt leider, anders als ich, oft das Auto.
Nach dem Krieg wurden die Straßenbahnen zugunsten des Autoverkehrs aus Westberlin verbannt. Das Ergebnis sieht man heute - die furchtbare Stadtautobahn, Monsterstraßen und die Tatsache, dass Berlin wahrscheinlich in der industrialisierten Welt die einzige Millionenstadt ist, in der man ungehemmt Auto fahren und parken kann… der Traum jedes Autofahrers und ein Stolperstein auf dem Weg zu einem umweltgerechteren Modal Split.
Da die S-Bahn auch in Westberlin von der Reichsbahn der DDR betrieben wurde und verhasst war, baute man als Ersatz die U-Bahnen. Heute sind sie unverzichtbar für den ÖPNV - aber es gilt unter Verkehrsexperten auch die Binsenweisheit, dass es nach Kriegführung nur eine Möglichkeit gibt, ohne Sinn und Verstand wahnsinnig viel Geld zu versenken: U-Bahn-Bau! Der ist wahnsinnig teuer, und der verkehrliche Effekt ließe sich oft viel günstiger (und meiner Meinung nach auch schöner) erreichen: Straßenbahnen sind schnell, bequem, meist barrierefrei, sauber, (mittlerweile) leise, günstig und können viel transportieren. Auf den meisten Strecken haben sie das beste Aufwands-Nutzen-Verhältnis und die beste Ökobilanz.
Es lebe die Tram!
Ein begeisterter M10-Fan.
Jedenfalls irritiert, dass man statt einer Tramlinie vom Hauptbahnhof durchs Regierungsviertel zum Potsdamer Platz oder Alex das U55-Monstrum geplant und gebaut wurde. Das sieht nach einer klaren Fehlplanung aus und hat mit sparsamen und effizienten Mitteleinsatz nichts zu tun.
@Robert: Dann schlägst Du vor, zu warten und die Hände in den Schoß zu legen? Wir werden dem Klimaproblem nicht Herr, wenn wir einfach gar nix tun. Und mir ist das Surren der Tram tausendmal lieber als der Dreck und Lärm der vielen Autos, die auch hier “meinen” Kiez im Dreieck Lichtenberg, Prenzlberg, Friedrichshain beherrschen.
Ach gott ach gott. Jetzt hab ich wohl nen wunden Punkt erwischt.
Ich sage nicht, dass ich pro Auto bin, jedoch finde ich die Trams einfach scheußlich. Eine U-Bahn wäre mir lieber. Autos werden nie verbannt werden können. Vielleicht werden sie reduziert, jedoch ganz abgeschaffen werden wir sie nicht können. Eine Tram ist sicher kostengünstiger als eine U-Bahn, jedoch benötigt sie auch Platz! Und dieser wird entweder dem Autofahrer genommen (was eher unwahrscheinlich ist) oder eben dem Fußgänger!
@Martin: Ich hasse Busse
Und ja “großartig” lag mir schon immer im Blut!
Wenn man von einem sparsamen und effizienten Mitteleinsatz spricht, dann würde dies wohl bedeuten, dass man vorerst keine weiteren öffentlichen Verkehrsmittel benötigt. Berlin ist eine der Städte, wo man sich aus (fast) alles Ecken, zu (fast) jeder Tages- und Nachzeit bewegen kann!
Um Leute innerhalb der Stadt vom Auto fahren abzuhalten, sollte der Senat dann doch eher den Druck auf die BVG erhöhen an der Tarifstruktur etwas zu verändern. Und dies nicht nur bei Schülern und Studenten. Die große abschließende Frage, die sich stellt: Wären denn die Entscheidungen anders gelaufen, wenn Grün mit an der Macht gewesen wäre?
Und bei der U55 handelt es sich natürlich um pure Hauptstadt-Profilierung. Wie der Berliner eben so ist. Er liebt den Luxus und den Protz, zugleich verteufelt er ihn aber auch!