Geteilter Raum - voller Raum

By André Stephan

Es gibt sie noch, die großen Tabubrüche. Vergangenen Freitag pilgerte die gesammelte grünnahe Verkehrsexpertise Berlins zu Hans Monderman, der den Hauptstädterinnen und Hauptstädtern im Abgeordnetenhaus sein “Shared Space“-Konzept schmackhaft zu machen gedachte. Monderman, eine Art Michael Moore der Verkehrsplanung, ist ein Radikaler seiner Zunft, setzt er sich doch für eine größtmögliche Liberalität in der Verkehrsraumgestaltung ein.

Shared Space in Amsterdam; Foto: Flickr’s Joel Mann
Ein Spielplatz? Eine Straße! - Shared Space in Amsterdam
Foto: Flickr’s Joel Mann

So seien Ampeln, Schilder und die strenge Abgrenzung der Verkehrsarten im öffentlichen Raum überflüssig und kontraproduktiv. In einem amüsanten Powerpoint-gestützten Vortrag schilderte der Holländer, wie er mit Rückendeckung der örtlichen Politik in Drachten (Niederlande) schon vor Jahren dafür sorgte, dass die am Verkehr Teilnehmenden wieder miteinander zu kommunizieren begannen, was den Verkehrsfluss steigerte und die Unfallzahlen drastisch senkte.

Für Monderman sei seit dem wichtig, aus den Plätzen und Straßen wieder “Menschenorte” zu machen, wie er es nannte. Heute ist alles im öffentlichen Raum darauf ausgelegt, dem Autoverkehr zu dienen. Das übrige ist “Sondernutzung”. Dabei nähmen die Verkehrsschilder und Ampeln den Auto Fahrenden unwillkürlich das Denken ab, mit “überraschenden” oder “nicht geplanten” Situationen kämen sie daher nur schwer zurecht, was dann zwangsläufig zu Unfällen führt. Das das nicht zur Zufriedenheit führt, ist klar. Aber dieses Übel ist auch hausgemacht, wie Monderman betont. “Wenn die Leute sich benehmen sollen wie in einer Kirche, dürfen sie keine Disko bauen”, erklärt er die Verkehrplanungen auch Berlins zu den eigentlichen Ursachen von Rowdytum und Unfalltoten.

Nähme man nun die Beschilderung aus dem Stadtbild und machte man die Straßen und Plätze selbst “lesbar”, hielte das soziale System wieder Einzug, so die Philosophie des ehemaligen Kommunalangestellten. Die Leute müssten selbst ihr Gehirn einschalten und die Verkehrssituation beurteilen. Denn was nützt es, wenn auf dem Schild “30″ steht, die Situation aber allenfalls 15 Kilometer in der Stunde zulässt? So lange baulich eine “Rennstrecke” für Autos abmarkiert ist, macht eine Selbstbeurteilung natürlich keinen Sinn. Wenn die Verkehrsräume allerdings ineinanderfließen, Kinder im Umkreis spielen können und Mütter sich unterhalten, würde auch der Eiligste sich zügeln und die Gefahrensituation verantwortungsbewusst meistern.

Natürlich ist “Shared Space” in dörflicher Idylle entstanden. Und so zielten die Fragen im Rahmen der Diskussionsrunde auch auf die Realisierbarkeit in den Kiezen Berlins. Dass das Konzept auch in Großstädten erfolgreich sein kann, zeigt ein Pilotprojekt in London, wo ebenfalls Kreuzungen durch Kreisverkehre ersetzt und Gehwege zurückgebaut wurden. In Amsterdam ist der “Space” schon traditionell getielt. Fahrrad Fahrende, zu Fuß Gehende und Autos sind auf ein rücksichtsvolles Nebeneinander an den Grachten angewiesen. Was Berlin fehlt, so die Quintessenz, ist vor allem das nötige Geld für die Umgestaltungen. Doch wo ohnehin neu geplant und gestaltet wird - etwa in und um Neukölln-Rixdorf - sollten die engeplanten Mittel ihre Verwendung in einem “Shared Space”-Gebiet finden. Ein Versuch könnte Augen öffnen.

: Radikaler Kahlschlag im Schilderwald
: taz vom 29. Oktober 2007

: Mit Augenkontakt in den Kreisverkehr
: Tagesspiegel vom 26. Oktober 2007

: Battery Park City: An Opportunity for Innovative Street Design
: streetsblog.org am 18. Mai 2007

: Shared-Space.org
: Projektseite der Europäischen Kommission

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