103 Minuten

By André Stephan

Heute Morgen, kurz nach 8 Uhr, Karl-Marx-Allee. Was ich da zu suchen habe? Normalerweise nichts. Aber heute begann der Berlinale-Vorverkauf. Und ich, keinerlei Presse- oder Promiprivilegien genießend, hatte mir vorgenommen, am ersten Berlinalefreitag mit ein paar Freunden etwas Festival-Atmosphäre aufzunehmen. Also verzichte ich auf das morgentliche Joggen durch den Volkspark Friedrichshain, binde mir Schwiegeromis 5-Meter-Wollschal über die Jacke und die beiden Pullover und stelle mich auf 120 quälende Kälteminuten vor einer der drei Vorverkaufsstellen ein.

Wartende am Kino International
Fotos: André Stephan

Zwar war alles gut geplant, trotzdem fühlte ich mich schon in der U-Bahn von potentiellen Freitagabendberlinalekarten-Konkurrierenden umzingelt. Aufatmen kann ich erst, als ich mich an der Schillingstraße aus dem U-Bahn-Schacht bewege. Lediglich 21 Menschen stehen vor mir an. In meinen Träumen war die Karl-Marx-Allee bereits halbseitig gesperrt. Drängelgitter sollten Eskalationen zwischen den kreischenden Clooney-Fans verhindern.

Die ersten vier Wartenden hüpfen und rubbeln sich gegenseitig warm. Dass sie schon seit zwei Stunden warten kann ich ihnen später entlocken. Besonders gesprächig ist aber an diesem Morgen niemand. Gut, dass ich meinen MP3-Spieler mit zahlreichen Radio-Eins-Podcasts gefüttert habe, um die Wartezeit zu überbrücken.

Um fünf nach Neun passiert dann endlich etwas. Ein KI-Mitarbeiter öffnet die Tür und lässt die Wartenden ins Warme. Die 21 Vorgängerinnen und Vorgänger, mich und die Beiden, die sich nach mir angestellt haben, betreten den Foyer des DDR-Prachtkinos. An den zwei jeweils gegenüberliegenden Kinoschaltern bilden sich fast gleichlange Schlangen. Natürlich erwische ich die längere. Vor mir stehen 11 Leute. Gut, was soll’s! Drei Vorverkaufsstellen, jeweils 2 Schalter - maximal also 66 Wartende vor mir an einer Berlinale-Kasse.

Paradox: Gegen halb zehn ist die Schlange hinter mir nicht länger geworden, dafür die Zahl der Karten Jagenden vor mir. Inzwischen 14 Leute stehen zwischen mir und dem Schaltervorhang. Der Türöffner von vorhin hängt Zettel aus. In englischer und deutscher Sprache wird erklärt, dass Kreditkarten nicht akzeptiert werden. Außerdem dürfen pro Vorstellung und Besucherin/Besucher nur 2 Karten mitgenommen werden.

Dass sich Mitberlinerinnen und Mitberliner vorgedrängelt haben könnten, wird mir in dem Moment egal, wo eine U-Bahn mehrere Dutzend neue Filmfans ausschüttet und ich plötzlich (relativ gesehen) ganz vorn stehe. Alle blättern hektisch im ausliegenden Berlinale-Magazin rum. Der RBB taucht auf, genau wie ein neues Schild “Vorverkauf wird vom RBB gefilmt”.

Im International-Foyer

Der Andrang wird immer größer. Die beiden Schlangen gehen kreuz und quer durch den Foyer, verknoten und verhaken sich. Neu Ankommende haben große Probleme, ein Ende zu finden, geschweige denn zwei. Kurz vor 10 Uhr warten 16 Menschen vor mir. Inzwischen ist mir das fast schon alles egal. Der 5-Meter-Schal schüttet weiterhin viel zu viel Wärme aus. Ich kann Grissemann und Stermann nicht mehr hören. Durch die Glasscheibe zur Eingangshalle - die den Wartenden als Zuflucht verwehrt bleibt - kann man die rauchenden und Kaffee trinkenden Kameraleute vom RBB sehen. Sie entspannen und freuen sich, spektakuläre Bilder für die Abendschau produzieren zu können.

Kurz vor 10 Uhr geht es los. Der RBB interviewt natürlich die ersten Leute in meiner Schlange. Quälend schleppt sie sich weiter. Während in Schlange II alle nur eine Karte für eine Vorstellung kaufen, haben die Leute bei mir lange Listen parat, nicht nur für den 9. Februar sondern auch für den 18., für den Talent Campus, die Sondertheatervorführungen und das Berlinale-Begleitprogramm. Eine kauft nach intensiver Beratung sogar noch eine Musicalkarte für den März.

Acht Minuten nach zehn ruft ein Kinomann in den Foyer “Clooney ist für Freitag ausverkauft”. Ich sehe überall bitter enttäuschte Gesichter. Das rascheln in den Berlinale-Heften geht wieder los. Als ich mir endlich 10:23 Uhr den Weg vom Schalter aus dem Kino wühlen darf, ist der Spuk noch lange nicht vorbei. Aber ich hab meine Karten, freue mich auf einen schönen Festivalabend am Freitag und weiß, dass ich ihn mir nun verdient habe. Morgen geht der Spuk am KI übrigens von neuem los. Aber diesmal ohne mich.

5 Responses to “103 Minuten”

  1. Robert

    Und wir lieben dich dafür, dass du diesen Kampf auf dich genommen hast und so für einen interessanten Freitag-Abend gesorgt hast! *schmatz*

    #153
  2. Inyah

    Ich finde ja gut, dass green-berlin.de so kulturbegeistert ist. Aber damit das Schlangestehen das nächste Mal effizienter ist, empfehle ich die Lektüre dieser Webseite: http://www.fragenohneantwort.de/fragen/frage2.htm

    Auf in den Kampf! Für amerikanische Verhältnisse *g*

    #155
  3. Ich hätte ja ein Fass aufgemacht, wenn sich jemand vorgedrängelt hätte. =)

    #157
  4. Das sagt sich so leicht. Vielleicht war die/der vorher schon mal da? Oder streitet die verbleibenden X Minuten noch rum, wird tätlich oder lauert einem anschließend nach, um die Berlinale-Karten zu zerreißen?

    #160
  5. Flo

    Wenn’s wirklich nur ums lange Anstehen geht - Internet-Kartenkauf ist viiiiieeel bequemer, auch wenn man sich für die 2 Euro, die’s da pro Karte mehr kostet, einen Milchkaffee weniger leisten kann. Allerdings muss man auch schon kurz nach 10 online sein, und es entgeht einem natürlich das kollektive Erlebnis der Warteschlange…

    #171

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