Sofortprogramm: Sand in die Augen
Seit es Computerspiel gibt, geistert eine “Killerspiel”-Debatte durch die deutsche Medienwelt. Bereits in den 1980er Jahren war die Darstellung von Gewalt gegen Menschen in Computerspielen in Deutschland in die Diskussion geraten, als im Ballerspiel “Commando” die vom Spieler gesteuerte Spielfigur eine große Zahl feindlicher Soldaten töten musste, um das Spielziel zu erreichen. Freilich handelte es sich lediglich um die Darstellung von ein paar 256-Farben-Pixelhaufen. Trotzdem wurde das Spiel 1998 von der BPjS wegen Kriegsverherrlichung indiziert. Erst 2005 kam es als Teil der Compilationen Capcom Classics Collection ab 12 Jahren freigegeben auf den Markt.

Stimmt - nicht überall geht es so knuddelig zu wie bei “Rayman”;
Quelle: Gaming Universe
Seit dem hat sich die Leistung handelsüblicher Computer erheblich verbessert. Die Grafik besitzt teilweilse Fotorealismus. Immer mehr Spiele werden deshalb auch ohne Jugendfreigabe der USK kerkauft, sind also erst ab 18 erhältlich, oder werden gar gänzlich indiziert. Die letzte Veränderung am Medienkontrollrecht gab es nach dem Schulattentat von Erfurt, das direkt in Zusammenhang mit dem Egoshooter “Counterstrike” gebracht wurde.
Trotzdem plant Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen nach eigenen Angaben bis zur Sommerpause 2007 ein “Sofortprogramm”, mit dem die Abgabe “gewalttätiger Medien” an Jugendliche “unterbunden” werden soll. “Gewalthaltige” Medien sind dann für Jugendliche unter 18 tabu, so die CDU-Politikerin.
Dass bereits jetzt ein weitreichender - und deshalb unter Medienexperten auch umstrittener - Schutz von Jugendlichen vor Spielen mit jugendgefährdendem Inhalt gibt, scheint ins Ministerium der Niedersächsin bisher nicht vorgedrungen zu sein. Es dürfte ihr schwer fallen, diesen erneuten Eingriff in die Freiheit der Spieledesigner, des Handels und nicht zuletzt der Gamer verfassungsfest zu rechtfertigen. Das mildeste Mittel zum Erreichen des Jugendschutzes bei gleicher Wirksamkeit ist mit der vorhandenen Praxis aus Selbstkontrolle und Indizierung bereits erreicht.
Zudem ist der Zusammenhang zwischen Gewaltdarsttellung in Spielen und realen Straftaten gegen Leben und körperliche Unversehrtheit höchst fragwürdig. Soziologinnen und Soziologen sehen die Ursachen steigender Gewaltbereitschaft eher innerhalb Vereinsamungs- und Verrohungstendenzen unserer Gesellschaft begründet. Ziel muss es sein, die Heranwachsenden selbst Medienkompetent und zu starken Persönlichkeiten zu machen. Sie in ein gewaltfreies Umfeld “einzukuscheln” ist fern jeglicher Realität. - Tagesschau und Privatfernsehen müssten beispielsweise sofort mitverboten werden. Endlich das Bildungssystem fit für das 21 Jahrhundert zu machen wäre ein geeignetes Rezept gegen Gewalt und Verrohung. Das härteste Medienkontrontrollsystem der Welt noch weiter zu verschärfen ist jedoch nur eins: Sand in die Augen.
: “Killerspiel-Gesetz noch in diesem Jahr”, Spiegel Online
: am 13. Februar 2007
: “Wer hat den Totalschaden?”, André Stephan auf Gaming Universe
: zur Forderung, Autorennspiele zu verbieten
Ich bin für eine eindeutige Gesetzeslage, hoffe aber natürlich, dass man sich nicht verrennt. Es gibt schon bisher gute Gesetze, die nur gut angewendet werden müssen.